Die Entwicklung, Klärung und Kommunikation des eigenen Daseins-Zwecks, des eigenen „Purpose“ nach innen und außen kann inspirieren und enorme Kräfte entfalten. Um diesen eigenen Purpose – oder auch den eigenen Sinn – zu entdecken und freizulegen, hat sich ein Vorgehen als erfolgreich erwiesen, das ebenfalls von Simon Sinek und seinen Erkenntnissen abgeleitet ist. Meine persönliche Erfahrung mit mittelständischen und kleineren Unternehmen ist, dass dieser Reflexions- Prozess erheblich vertieft, und die entwickelten Einsichten und Erkenntnisse nachhaltig im Geist des Unternehmens verankert werden können. Ein wirksames Mittel dafür ist regelmäßiges Bewusstseinstraining der Inhaber, Führungskräfte und Mitarbeitenden, z. B. in Form von Zen-Meditation.

Mit Hilfe dieses Bewusstseins, das eine besondere Qualität des Kontakts mit sich selbst und dem eigenen Sinn darstellt, kann eine Organisation ihren Sinn herausfinden oder wiederentdecken und so formulieren, dass es sie motiviert.

Bewusstsein als Grundlage für Sinn und Erfüllung

Das Bewusstsein öffnet Raum und Kontakt als wesentliche Grundlage. Um aber zu einer konkreten Formulierung des eigenen Purpose zu kommen, empfiehlt Simon Sinek darüber hinaus ein bestimmtes methodisches Vorgehen:

Es stellt einen Reflexionsprozess dar, der sich zunächst mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt. Dabei wird der Blick auf die Motivation geworfen, warum dieses Unternehmen gegründet wurde und welche Impulse, Ideen oder Ziele damit verbunden waren. Im weiteren Verlauf dieses Prozesses werden die Erfahrungen in der bisherigen ferneren und jüngeren Vergangenheit der Organisation erforscht, erfühlt und ausgetauscht. Sowohl positive als auch enttäuschende oder negative Erfahrungen sind wichtig und stellen jeweils Teile des eigenen Erfahrungsschatzes dar, der sowohl in den Menschen als auch im„Geist“ der Organisation abgelegt ist.

Da wir alle im Normalfall nach angenehmen Erfahrungen streben und diese idealerweise wiederholen wollen, liegen in diesen Erfahrungen die Wurzeln für unseren zukünftigen Sinn oder Purpose. Spannend sind dabei das Spüren und Reflektieren, bei welchen Aktivitäten oder Beiträgen sich die Menschen der Organisation in der Vergangenheit wohl gefühlt – oder eventuell sogar erfüllt gefühlt – haben.

Sinnhaftigkeit oder Erfüllung sind sehr hohe, übergreifende Ziele, die uns aus uns selbst heraus und nachhaltig antreiben.

Bei der Suche nach diesen übergreifenden Zielen ist es wichtig, vordergründige, monetäre Ziele zur Kenntnis zu nehmen, sich aber nicht der Illusion hinzugeben, dass die Sinnsuche mit der Formulierung dieser Teilziele oder auch Zwischenschritte abgeschlossen wäre. Das Erreichen solcher Teilziele, wie z. B.„viel Geld verdienen, um meine Familie zu ernähren und meinen Lebensabend in der Karibik verbringen zu können“ macht – das hat die Glücksforschung längst herausgefunden – eben nicht glücklich und erzeugt auch kein Gefühl von Sinn oder Erfüllung.

Stattdessen scheint eine tiefe Sinnerfüllung bei den meisten Menschen dann spürbar zu sein, wenn wir durch unser Handeln einen Beitrag für andere oder „das große Ganze“ leisten. Wenn jemand anderes außer uns selbst etwas davon hatte, was wir geleistet oder getan haben, dann fühlen wir uns typischerweise zufrieden, stolz oder glücklich.

Das gilt sowohl für einzelne Individuen als auch für Gemeinschaften, also beispielsweise ein Unternehmen. Wenn die Menschen durch das gemeinsame Gefühl verbunden werden, etwas Konkretes für andere, für die Gesellschaftoder „die Welt“ beizutragen, ist das in der Regel extrem motivierend. Das kann von scheinbar kleinen Beiträgen („Jeder Gast soll mein Restaurant glücklicher verlassen, als er es betreten hat.“) über verschiedene Stufen („Wir kümmern uns um das Management der Ressource ‚Regenwasser‘ in unserer Region.“) bis hin zum großen Ganzen („Wir tragen zur Gesundheit der Menschen auf der Welt bei.“) reichen.

Um diesem übergreifenden Zweck nachhaltig auf die Spur zu kommen, ist es hilfreich, nach solchen Momenten in dem eigenen Unternehmens- Erfahrungsschatz zu suchen, ob und wann es solche Emotionen schon gab, was wer wie konkret in den Momenten getan oder geleistet hat. Diese Erfahrungen werden dann in einem intensiven Dialog innerhalb des Unternehmens, der quer über die Hierarchien und Funktionen hinweg stattfinden sollte, in die Zukunft übertragen. Dabei werden Erkenntnisse gesammelt, die sich immer wieder mit Ursache bzw. Beitrag und Wirkung des eigenen Tuns befassen: in der Vergangenheit und auch in die Zukunft übertragen.

Verdichtung und Implementierung

Aus den verschiedenen gefundenen Beispielen findet dann eine Verdichtung statt, die die Gemeinsamkeiten der Beispiele zusammenführt und in wenigen Sätzen – und am Ende des Prozesses hochverdichtet in nur noch einem einzigen Satz – zusammenfasst.

Diese Sätze und schließlich auch den letzten Kern-Satz in der höchstenVerdichtungsstufe nennt Simon Sinek „Purpose Statement“. Das PurposeStatement sollte nach diesem Schema aufgebaut sein: „(Beitrag:) Wir wollen / werden ________ , (Wirkung) damit ________.“

Damit das gefundene Statement nicht nur eingerahmt im Foyer des Firmengebäudes hängt und verpufft, weil es keinen konkreten Bezug zur täglichen Arbeit im Unternehmen hat, muss im daran anschließenden Prozess unbedingt noch die konkrete Übertragung auf den Alltag des Unternehmens stattfinden. Es muss greifbar gemacht werden, in dem alle Strukturen und Abläufe, alle interne Kommunikation in Führung und Zusammenarbeit, alle externe Kommunikation und das Handeln gegenüber Kunden mit dem formulierten Daseins-Zweck bzw. „Purpose“ abgeglichen und – falls nötig –angepasst werden. Widersprüche und Hindernisse sind auszuräumen, Überflüssiges kann fallen gelassen werden, den Zweck Unterstützendes sollte betont, gestärkt und ausgebaut werden.

Das Vorgehen in dem beschriebenen Purpose-Prozess benötigt Zeit und Raum und kann nicht in einem 2-stündigen Management-Jourfix am Montag-Nachmittag erarbeitet werden, sondern erfordert erfahrungsgemäß mehrere Workshop-Tage.

Praxis-Tipp

Gestalten Sie zu Beginn einen mindestens 2-tägigen Offsite-Workshop als Auftakt-Veranstaltung, an dem möglichst viele Vertreter der Mitarbeitenden dabei sind. Und lassen Sie anschließend die konkrete Umsetzung der oder des Purpose-Statements in einem konzentrierten, aber nicht eiligen Prozess nach und nach im Unternehmen durch alle gemeinsam umsetzen. Das klingt interessant für uns.